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Wie bin ich wirklich menschlich?

Von Tarak Deva
(Übersetzt aus dem Englischen)

Vor mehr als 700 Jahren sagte uns Meister Eckhart:

Hâst dû dich selben liep, sô hâst dû alle menschen liep als dich selben. Die wîle dû einen einigen menschen minner liep hâst dan dich selben, dû gewünne dich selben nie liep in der wârheit, dû enhabest denne alle menschen liep als dich selben, in einem menschen alle menschen, und der mensche ist got und mensche

Im modernen Deutsch bedeutet dies:

Wenn du dich selbst liebst, dann liebst du alle anderen wie dich selbst. Solange du einen einzelnen Menschen weniger liebst als dich selbst, kannst du dich selbst nicht wirklich lieben – wenn du nicht alle anderen wie dich selbst liebst, in einem Menschen alle Menschen: und dieser Mensch ist Gott und Mensch.

Wie können wir nun solch eine Menschlichkeit erreichen, von der Meister Eckhart spricht? Können wir sie durch gewöhnliches Denken, Vorstellungsvermögen, Reflektieren verwirklichen – vielleicht durch das Analysieren und Nachdenken über eben diese Worte des Meisters.

Nein.

Wir brauchen eine Art des Denkens, die uns über unser Ego hinausführt, über all unsere mentalen Komplexe, die aus dem Ego entstehen. Dazu müssen wir in die Tiefe unseres “Ich-Gefühls”, gehen. Dort werden wir die wirkliche Freiheit finden.

Dafür brauchen wir eine Praxis, die uns von unseren beschränkten Geisteshaltungen befreit, die die Ursache all unserer Vorurteile, unserer Abhängigkeiten und unseres Leidens sind. Eine solche Praxis ist die Mantra-Meditation. Ein Mantra ist ein spirituell geladenes Wort, das uns, wenn wir uns darauf konzentrieren, in jeder Hinsicht befreit.

Aber was ist der praktische Nutzen dieser universalistischen Menschlichkeit?

Durch die Praxis dieser Mantra-Meditation werden wir ein wahrer Mensch – ein wahres menschliches Wesen. Wenn wir uns um andere kümmern, anderen dienen und jeden (auch die besondere Person oder Gruppe von Menschen, die man einfach nicht ausstehen kann) so sehr lieben wie uns selbst, dann können wir niemanden ausbeuten, missbrauchen. Dann fangen wir an, uns ehrenhaft zu verhalten, dann entwickeln wir unseren moralischen Charakter – wir werden ein echter Mensch, wie man auf Jiddisch sagt. Und mit diesem Aufblühen unseres Charakters entsteht moralischer Mut.

Warum gibt es so viel Leid in dieser Welt? Weil wir, wie Parzival, so viel Leid in dieser Welt beobachten, aber einfach nicht darüber nachdenken, nicht das Leid in unseren eigenen Herzen spüren. Weil wir unsere Stimme nicht erheben und fragen, warum es dieses Leiden in dieser Welt gibt.

Und selbst wenn wir die Kriminellen, die Ausbeuter, die Konzern Eliten, die solches Leid verursachen, erkennen und im Privaten über sie sprechen, was tun wir dann?

Wir tun so gut wie nichts – überhaupt nichts Lohnenswertes. Deshalb sind wir mit schuldig.

Warum tun wir das? Weil wir Angst haben – Angst vor so vielen Menschen, vor so vielen Institutionen.

Aber wenn wir uns im Zustand der universellen Menschlichkeit befinden, wie Meister Eckhard es ausgedrückt hat – dann fürchten wir niemanden, denn jeder ist ein Teil von uns – ein Teil von dem, was wir wirklich sind. Dann allein, wie der Meister sagte:

hie ist der mensche ein wâr mensche

Nur dann können wir in dieser Welt als eine Menschheitsfamilie leben.

Nur dann können wir eine ganzheitliche Umwandlung in Gang zu setzen, und denen, die so viel Leid verursachen, ihre Macht dazu entnehmen. Dann können wir das kollektive Bewusstsein erweitern, und eine neue Renaissance und eine neue Zivilisation schaffen, die auf dieser universellen Menschlichkeit basiert.

Aber ist das genug?

Nein.

PROUT oder die Progressive Nutzungstheorie wurde geschaffen, um diese alte spirituelle Vision auf dem festen Boden dieser Erde praktisch zu manifestieren.

Aber was nützt eine andere Theorie?

Zunächst einmal hat hier Theorie wenig mit den intellektuellen Abstraktionen der Moderne zu tun. Wir können uns an die ursprüngliche Bedeutung des griechischen Wortes “theoria” erinnern. Theoria bedeutete eine besondere Art der Kontemplation, bei der man die Einheit mit der letztendlichen Realität oder dem Noumenon erkennt, erfährt und sogar erreicht.

Das ist der Grund, warum der ägyptische Philosoph Plotinus sagte:

tois pratiousin he theoria telos” – “das Ziel aller Aktivität ist die Theoria”.

Aber ist selbst diese Art spirituell-kontemplativer Theorie für unseren leidenden Planeten überhaupt von Nutzen?

Vor mehr als 3000 Jahren lehrte der Yogameister Krishna das Karma Yoga – die Wissenschaft vom Leben in diesem Zustand der Einheit, der universellen Menschlichkeit, auch im Kampf gegen Ungerechtigkeit. So befinden wir uns selbst dann in einem spirituellen Zustand, wenn wir gegen alle Widerstände kämpfen, um eine Gesellschaft zu errichten, die auf innerer Freiheit oder Rechtschaffenheit beruht. Eine Gesellschaft, in der diese universelle Menschlichkeit Teil unseres politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Lebens wird.

Die universelle Menschlichkeit umarmt alle Wesen.

Der Lehrmeister von PROUT, Shrii Prabhat Ranjan Sarkar, hat die Stimme meines Herzens offenbart, die sagt:

“In diesem mittleren Teil des Känozoikums müssen wir noch einmal darüber nachdenken, was wir tun sollen. Ist die Menschheit das summum bonum (lat.: Höchstes Gut oder Ziel) der Existenz? Nein, nein, nein, ganz sicher nicht. Das Universum besteht nicht nur aus Menschen.

Auch andere Tiere, andere Kreaturen, andere Pflanzen haben das Recht zu leben. Unser Universum ist also nicht nur das Universum der Menschen, sondern das Universum aller – vorhin sagte ich, für alle geschaffenen Wesen, für alle Lebewesen, und sowohl für das belebte als auch für das unbelebte Universum.

Wir befinden uns also im Zeitalter des Neohumanismus – ein Humanismus, der allen und jedem ein Elixier liefert. Wir sind für alle da, und mit allem, was existiert, werden wir eine neue Gesellschaft aufbauen, eine neohumanistische Gesellschaft. Deshalb dürfen wir unsere Zeit nicht verschwenden. Wenn wir uns in unserer Pflicht verspäten, wird der dunkle Schatten der völligen Zerstörung unsere Existenz überwältigen. Dessen müssen wir uns bewusst sein. Wir müssen vorsichtig damit umgehen. Wir dürfen keinen einzigen Augenblick unserer wertvollen Existenz verschwenden.

Was ich also soeben gesagt habe, ist, dass die Menschheit jetzt an der Schwelle zu einer neuen Ära steht. So viele bahnbrechende Ereignisse, so viele Annalen der Geschichte werden von euch geschaffen werden.

Seid bereit, diese Verantwortung für die kommenden Generationen zu übernehmen?

(Aus: Die Menschheit an der Schwelle zu einer neuen Ära.))

Solange wir andere nicht in uns selbst sehen, wie der Meister es sagte, solange wir nicht jeden Baum, jeden Vogel, jedes Bächlein in uns selbst finden, können wir nicht frei sein – und wir werden unseren Planeten nicht am Leben erhalten können. Wie Shrii Sarkar schrieb:

“Das gesamte Universum muss in den Bereich eures Geistes gebracht und von ganzem Herzen zu eurem eigenen gemacht werden. Dies ist in der Tat der Weg zum Segen, der Weg zu allseitigem Wohl und Erfolg. Dies ist der einzige Weg für euer individuelles und kollektives Überleben.“

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