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Was macht eine politische Haltung wirklich zukunftsfähig?

Rational handeln heißt, den direkten Weg zum Ziel einzuschlagen. Unnötige Kurven werden vermieden. Wie sieht also demnach eine rationale politische oder weltanschauliche Haltung aus?

Dafür ist es zunächst sinnvoll, Rationalität noch einmal zu unterscheiden von Sentimentalität und Instinkt.

Instinkt bezeichnet einem inneren Drang, der sich in der Regel ohne eine vorherige Reflektion darüber ausdrückt. Instinkte erlauben es Tieren, zu überleben.

Sentimentalität bedeutet das Festhalten an einer Meinung oder Neigung, auch wenn sich diese als irrational herausstellt. Z.B. das Festhalten an „altbewährten Traditionen“ fällt in diese Kategorie. Im Extremfall heißt das Handeln aus Sentimentalität, sich logischen Argumenten zu verschließen. Ein simples Beispiel: Wenn ich als Kind gelernt habe, Kartoffeln immer zu schälen vor dem Kochen, werde ich sehr wahrscheinlich auch selbst die Kartoffeln schälen. Ich komme nicht unbedingt auf den Gedanken, dass man Kartoffeln auch durchaus mit Schale kochen und essen kann.

Rationalität wiederum heißt, eine genaue Analyse durchzuführen und dann eine durchdachte Entscheidung zu treffen. Das ist sehr aufwändig, als Ergebnis steht allerdings eine bewusste Entscheidung. Es ist dabei auch nicht jedes Mal nötig, dieselbe Entscheidung immer wieder aufs Neue akribisch zu analysieren. Wenn ich etwa einmal entschieden habe, dass es gut ist, mich vegetarisch zu ernähren, dann brauche ich nicht jede Mahlzeit abwägen, ob ich Fleisch essen sollte oder nicht.

Mit dieser Erklärung wird deutlich, dass zahlreiche Theorien, Philosophien, politische Aussagen, etc. in die zweite statt der dritten Kategorie fallen. Es werden dabei primär die folgenden drei Arten von (begrenzender) Sentimentalität bedient:

  1. Geographische Sentimentalität
  2. Gruppensentimentalität
  3. Anthropozentrische (menschenbezogene) Sentimentalität

Die Geographische Sentimentalität bezeichnet das nostalgische Anhängen an einem bestimmten Ort oder einer Landschaft.

Gruppensentimentalität meint die Identifikation und höhere Bewertung der eigenen Gruppe. Hierunter fallen etwa Nationalismus, Rassismus, Sexismus und andere -ismen.

Anthropozentrische, also menschenbezogene Sentimentalität bezeichnet eine Art von begrenzter Weltanschauung, die selbst bei Humanisten und Philanthropen zu finden ist: gemeint ist das Verdrängen, dass auch Tiere wertige Mitglieder dieser Welt sind. Tolstoi hat einmal treffend formuliert:

„Solange es Schlachthöfe gibt, wird es auch Schlachtfelder geben.“

Das heißt, dass ein friedliches Miteinander unter den Menschen voraussetzt, dass wir auch ein Bewusstsein für die Bedürfnisse der Tiere entwickeln müssen, anstatt sie zu bloßen Nahrungsmittellieferanten zu degradieren.

Interessanterweise finden sich in der gesamten europäischen und weltweiten Philosophie und Politikgeschichte ebendiese Sentimentalitäten reihenweise wieder, selbst bei den von uns am Höchsten geschätzten Denkern. Einige Beispiele:

Aristoteles hielt die Sklaverei für eine natürliche und notwendige Einrichtung.i

Darwin schrieb in seiner Abhandlung über die „Abstammung des Menschen“ über verschiedene „niedere“ und „höhere“ Rassen.ii

Auch die Behauptung der USA, der Abwurf von zwei Atombomben über Japan würde den Krieg früher beenden und damit amerikanische Leben retten, fällt sicherlich in diese Kategorie. Denn der Gedanke der geringeren Wertigkeit von japanischen Leben gibt einen bitteren Beigeschmack.

Die Liste könnte noch sehr lange weitergehen – der Punkt ist, dass eine wirklich rationale Weltanschauung oder politische Haltung sich von diesen begrenzten Vorstellungen radikal frei machen muss.

Ein Gefühl von Verantwortung und Wohlwollen für eine bestimme Gruppe ist dabei nichts Schlechtes. Im Gegenteil. Es wird nur dann problematisch, wenn das Wohl dieser Gruppe aus reinem Gruppengefühl über das einer anderen Gruppe gestellt wird. Es kommt also darauf an, dieses Verantwortungsbewusstsein zu erweitern – auf ein ganzes Land, einen ganzen Kontinent, die Menschheit, den Planeten, das ganze Universum. Dann sind auf einmal ein Obdachloser und Jeff Bezos auf Augenhöhe.

Das ist wirklicher Universalismus.

i https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/geschichte/sklaverei-griechenland-100.html

ii https://science.orf.at/stories/3206682/

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